Die Justiz im Bundesland Salzburg

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Die neue Symbolik der Justitia?

Gedanken zu einem neuen Gerichtsgebäude

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Ein Gebäude, das einer Staatsgewalt Obdach gewährt, bedarf auch von architektonischer Seite einer Aussage. So ähnlich dürfte auch der Baukünstler des neuen Salzburger Bezirksgerichtes überlegt haben. Und da Justitia bekanntlich sehr schweigsam ist und vor allem sehbehindert, dürften es seine eigenen Vorstellungen geblieben sein, die in die Planung dieses Hauses eingeflossen sind. Über Geschmack kann man bekanntlich nicht wirklich sinnvoll streiten. Und über Staatssymbole?

Beton fällt einem zuallererst in die Augen, schäbiger Sichtbeton, der der Gewährleistung nur dank der bekannten Bedürfnislosigkeit Justitias entgangen sein dürfte (etwas weniger freundlich könnte man auch sagen, es war Fahrlässigkeit in eigenen Angelegenheiten). Nun gut, Beton steht für Widerstandsfähigkeit, Dauerhaftigkeit, und - weil unbekleidet - für Bescheidenheit. Alles Eigenschaften, mit denen Justitia leben kann. Und hässlicher kann er nicht mehr werden, das hebt ihn von allen anderen Fassaden der Umgebung ab.

Große Öffnungen fallen einem dann auf. Gläserne Türen und weite, bis zum Boden reichende Fenster, die den Blick von der Straße bis in den hintersten Winkel des Verhandlungssaales freigeben. Das nennt man Offenheit. Dass man den Richter auf den Präsentierteller setzt, ist nur scheinbar eine Neuerung (früher wurde Recht auf dem Dorfplatz unter der Linde gesprochen); es ist auch in Zeiten wie diesen leicht änderbar: Wer das nicht will, soll sich einen anderen Job suchen, der Staat muss ohnedies sparen. Heute haben die Leute das Gericht gerne im Fernsehen und das kommt diesem Zustand schon sehr nahe. Das Kamerateam braucht nicht mehr um Einlass in den Saal betteln, jeder Tourist kann hier mit seiner Handycam das österreichische Bezirksgericht weltweit präsentieren. Vielleicht noch eine Webcam davor und wir haben „justiz.tv.at". Dass angesichts dieser Ein- und Aussichten vielleicht dem einen oder anderen Zeugen die Sprache wegbleibt, ist kein großer Nachteil. Wir wissen ohnedies um die Problematik des Zeugenbeweises. Und die anderen? Sollen sie nicht streiten, dann werden sie nicht an den Pranger gestellt!

Eines muss man dem Gestalter lassen: Die Stilideen sind kompromisslos durchgezogen. „Tür ist gleich Glas" bleibt daher auch bei jenen winzigen Räumen eine Gleichung, in denen man sonst die Türen sehr sorgsam hinter sich schließt. Wundern Sie sich daher nicht, wenn Sie in der Umgebung dieses neuen Kleinods des öfteren Passanten antreffen, die mit seltsamen Verrenkungen nach dem Weg zum nächsten WC fragen. Jetzt wissen wir es endgültig: Nicht nur auf die Schönheit hat es der Architekt abgesehen, auch die Scham muss leiden!

Neuigkeiten auch ganz oben. Auf dem Dach wandert eine österreichische Flagge an einer Fahnenstange auf und ab. Warum die Fahne da andauernd auf Halbmast geht, entzieht sich dem flüchtigen Betrachter. Mit dem Beflaggungsgesetz geht das jedenfalls nicht konform. Normauslöser ist vielmehr der Personenaufzug. Nun ja, Technikerspielereien eben. Man darf das nicht zu eng sehen!

Und dann sind da noch die Farben in diesem äußerlich abweisenden Betonklotz. Helle, erfrischende, fast aufdringliche Farben, wie Zuckerlpapierln am Christkindlmarkt. Jedes Stockwerk hat seine eigene Farbe: Türkis, Gelb, Orange.... Damit auch jemand, der nicht bis Drei zählen kann, weiß wo er hin muss, fährt es einem in den Sinn. Macht doch durchaus Sinn. Dass in Österreich die Zahl der Farbenblinden wahrscheinlich höher ist, als die der Analphabeten, die nicht einmal bis Drei zählen können, kann da nicht gelten. Gestern wurden die Analphabeten übergangen, die nächsten Jahre sind sie dafür privilegiert. Auch das ist eine Form von Gleichbehandlung!

Dafür, dass sich der moderne Klotz in die biedere Kleinstadtidylle einfügt, sorgt eine bewegliche Lampe, die mit ihrem Schein dem Passanten folgt (hoffentlich fühlt sich niemand verfolgt). Immerhin ist das Leuchten dort auch bitter nötig, schließt doch ebenbündig ein seichtes Wasserbecken zwischen Gehweg und Fensterfront an. Und Justitia will doch nicht den Eindruck erwecken, dass sich bei ihr jemand kalte Füße holt. Es ist wohl ausschließlich das Recht der Kunst, über Gefahrensicherung großzügig hinwegzusehen. Bleibt zu hoffen, dass nicht jemand unterstellt, dass Justitia hier die Fußangeln auslegt für ihre zukünftigen Fälle...

Gestern ist sie verrückt geworden (die Lampe, nicht Justitia). Sie dreht sich im Kreis wie ein Ringelspiel und verstreut ihren Schein ziellos in die Stadtlandschaft. Kein Wunder bei diesem Getümmel. Wem soll sie da den Weg des Rechts weisen? Der Horde lärmender Schulkinder, die einander zerrend und schupsend entlang der künstlichen blauen Lagune Richtung Haltestelle toben oder den Einkaufstaschen- und Paket-bewehrten Passanten, die zum Parkplatz hasten? Den mühsam sein Recht suchenden Bürger findet man hier nicht. Zumindest kann man ihn nicht mehr ausmachen im Getümmel. Gut dass der Elektriker den Fall schon kennt; wird eine Dauerpatientin ... (mehr solche Baukünstler und er hätte ausgesorgt).

Und Justitia? Sie widmet sich wie eh und je ihrem Metier. Eines hat sie im Laufe der Jahrtausende gelernt. Es steht ihr nicht an, gegen den Zeitgeist zu wettern. Sofort drängte man sie in die Ecke der Ewiggestrigen (und das wird in manchen Zeiten als Schimpfwort verstanden). Sie weiß: Sitten kommen, Sitten gehen (neuerdings heißt das Mode, da sind die Intervalle noch kürzer), also, was soll`s? Wenn sich sonst niemand aufregt, ihr soll es recht sein inmitten dieser sonderbaren Symbolik. Dem Recht wird es keinen Abbruch tun. Und was die Leute als Recht ansehen, steht sowieso auf einem anderen Blatt Papier.

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Salzburg im Dezember 2001

Franz Schmidbauer